Sprachhandlungen: Unterschied zwischen den Versionen
Schulz (Diskussion | Beiträge) Keine Bearbeitungszusammenfassung |
Schulz (Diskussion | Beiträge) Keine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| (26 dazwischenliegende Versionen von 5 Benutzern werden nicht angezeigt) | |||
| Zeile 1: | Zeile 1: | ||
{{Vorlage:subpage-text|page-title=Sprachhandlungen|page-text=Sprache und (weiteres) soziales Handeln stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang zueinander und überlappen sich, denn '''Personen bedienen sich ihrer Sprache, um damit etwas zu erreichen''': Mit Sprache ''informieren'' sie zum Beispiel und ''behaupten'' etwas (z. B.: „''Stadtsprachen vor Ort'' ist eine stadtsprachgeschichtliche Wissenplattform”), mit Sprache ''vereinbaren'' sie etwas (z. B.: „Okay, dann bis um 12 am Marktplatz!”), mit Sprache ''verabschieden'' sie sich (z. B.: „Tschüss!”). | |||
Indem man etwas äußert, handelt man also sprachlich. Solche Sprachhandlungen werden in mündlichen Äußerungen, aber auch schriftlich in einzelnen Äußerungen, in Sätzen und in ganzen Texten realisiert. Beispiele aus dem Bereich der Politik sind etwa: „ein Parlament, ein Komitee, eine Arbeitsgruppe auflösen; ein Votum abgeben; ein Veto einlegen; von einem Amt zurücktreten; jmdn. als Kandidaten nominieren; jmdn. ernennen; jmdn. von einem Amt suspendieren” ([[#holly|Holly | '''Indem man etwas äußert, handelt man also sprachlich'''. Solche Sprachhandlungen werden in mündlichen Äußerungen, aber auch schriftlich in einzelnen Äußerungen, in Sätzen und in ganzen Texten realisiert. Beispiele aus dem Bereich der Politik sind etwa: „ein Parlament, ein Komitee, eine Arbeitsgruppe auflösen; ein Votum abgeben; ein Veto einlegen; von einem Amt zurücktreten; jmdn. als Kandidaten nominieren; jmdn. ernennen; jmdn. von einem Amt suspendieren” ([[#holly|Holly 2017: 6]]). | ||
'''Die Sprachwissenschaft''' | '''Die Sprachwissenschaft''' | ||
... beschäftigt sich schon lange und in diversen Teildisziplinen (wie z. B. der Textlinguistik, der Diskurslinguistik, der Gesprächsforschung, der Soziolinguistik und der Pragmatik) intensiv mit Sprachhandlungen, die sie auf gesprochene und geschriebene Sprache und auf Äußerungen, Gespräche, Sätze und auf Texte bezieht (vgl. [[#polenz|von Polenz | ... beschäftigt sich schon lange und in diversen Teildisziplinen (wie z. B. der Textlinguistik, der Diskurslinguistik, der Gesprächsforschung, der Soziolinguistik und der Pragmatik) intensiv mit Sprachhandlungen, die sie auf gesprochene und geschriebene Sprache und auf Äußerungen, Gespräche, Sätze und auf Texte bezieht (vgl. [[#polenz|von Polenz 1980: 12–15]]; [[#feilke|Feilke 2000: 64–82]]). Sprachhandlungen folgen "konventionellen Regeln" und können daher von Sprachteilnehmerinnen und -teilnehmern identifiziert werden ([[#steinbauer|Steinbauer 1989: 44]]). Textsorten werden nicht selten als "konventionell geltende Muster für komplexe sprachliche Handlungen" beschrieben (vgl. [[#brinker|Brinker 2010: 136]]). | ||
In der jüngeren sprachwissenschaftlichen Forschung werden Sprachhandlungen häufig als sprachliche Praktiken diskutiert. Für St. Habscheid sind sprachliche Praktiken soziale und kommunikative Praktiken; isoliert stellen sie „die situierte zeichenhafte Verkörperung bzw. vom Körper gelöste (z. B. schriftliche) Materialisierung von Handeln – und damit von Praxis – durch Sprache als möglicher Bestandteil kommunikativer Praktiken” (Habscheid 2016: 137) dar. In diesem Verständnis untersuchen aktuelle Studien zum Beispiel sprachliche Praktiken wie ''benennen, verorten, abgrenzen'' oder ''ernennen'' und ihre Realisierung in Texten (etwa Kalwa 2018, Kalwa 2025). | |||
'''In der Sprachgeschichtsforschung''' | '''In der Sprachgeschichtsforschung''' | ||
... ist die Betrachtung von Sprachhandlungen fest verankert: Die Analyse historischer sprachlicher Handlungen und ihrer Typisierungen spielt in der Beschreibung, Analyse und Interpretation historischer Texte eine große Rolle (vgl. [[#schuster|Schuster | ... ist die Betrachtung von Sprachhandlungen fest verankert: Die Analyse historischer sprachlicher Handlungen und ihrer Typisierungen spielt in der Beschreibung, Analyse und Interpretation historischer Texte (und Textsorten) eine große Rolle (vgl. [[#schuster|Schuster 2019: 226]]; [[#steinbauer|Steinbauer 1989: 44]]). Jüngere Monographien untersuchen intensiv das Spannungsfeld zwischen kollektivem und individuellem sprachlichen Handeln, beispielsweise in historischen Patientenbriefen (vgl. [[#schiegg|Schiegg 2022]]). | ||
Für | '''Für „Historische Stadtsprachen vor Ort”''' | ||
... ordnen wir die ausgewählten Texte in aller Vorsicht historischen Sprachhandlungen zu. Wir fragen dazu: <br> | |||
''Was will ein Akteur z. B. auslösen, bewirken, fixieren oder erreichen, indem er sprachlich kommuniziert?'' | |||
Je nach Komplexität des Textes bieten wir dazu mehrere '''Sprachhandlungsverben''' pro Text an. Sie sind in der Regel abstrahierend formuliert; der Abstraktionsgrad ist (gegenstandsbedingt) variabel. Auch aus unserer Sicht nachgeordnete oder unsichere Sprachhandlungen führen wir auf. Überarbeitungen sind geplant. Die Reihenfolge der Einträge ist nicht hierarchisch. | |||
Genauere Textkenntnis führt zu genaueren Zuordnungen; die Daten werden daher fortlaufend erweitert und korrigiert. Für Hinweise sind wir dankbar. | Genauere Textkenntnis führt zu genaueren Zuordnungen; die Daten werden daher fortlaufend erweitert und korrigiert. Für Hinweise sind wir dankbar. | ||
<div class="mainHeading"> | |||
Bisher wurden Sprachhandlungen mit folgenden Sprachhandlungsverben kategorisiert: | |||
<div class=" | <ul id="sprachhandlungen"> | ||
Bisher wurden | |||
{{#ask:[[Kategorie:Sprachhandlung]] | {{#ask:[[Kategorie:Sprachhandlung]] | ||
|format= | |?Hat Sortierschlüssel | ||
|link= | |format=plainlist | ||
|link=none | |||
|limit=1550 | |limit=1550 | ||
| | |template=ListWidget | ||
| | |sort=Hat Sortierschlüssel | ||
}} | }} | ||
</ul> | |||
</div> | </div> | ||
{{subpage-citation|page-citation= | {{subpage-citation|page-citation= | ||
<span id=" | <span id="brinker"></span>Brinker, K. (2010). Linguistische Textanalyse: Eine Einführung in Grundbegriffe und Methoden (7. Aufl.). Berlin: Erich Schmidt Verlag. | ||
<span id="feilke"></span> | <span id="feilke"></span>Feilke, H. (2000). Die pragmatische Wende der Textlinguistik. In K. Brinker, G. Antos, W. Heinemann & S. F. Sager (Hrsg.), Text- und Gesprächslinguistik (S. 64–82). Berlin – Boston: de Gruyter. | ||
Habscheid, St. (2016). Handeln in Praxis. Hinter- und Untergründe situierter sprachlicher Bedeutungskonstitution. In Deppermann, A., Feilke, H., Linke, A. (Hrsg.), Sprachliche und kommunikative Praktiken. Berlin – Boston: De Gruyter, 127–152 | |||
<span id=" | <span id="holly"></span>Holly, W. (2017). Sprachhandlung und Sprachhandlungsmuster. In K. S. Roth, M. Wengeler, A. Ziem & W. Holly (Hrsg.), Handbuch Sprache in Politik und Gesellschaft (S. 3–21). Berlin – Boston: de Gruyter. | ||
Kalwa, N. (2018). Benennen – Verorten – Abgrenzen: Sprachliche Praktiken zur Konstitution neuer Ansätze als Teil der Germanistischen Linguistik. In: Zeitschrift für Angewandte Linguistik 68, 139–158 | |||
<span id="schuster"></span> | Kalwa, N. (2025). Linguistische Wissenschaftsforschung. Zur sprachlichen Hervorbringung von Wissenschaft am Beispiel der Germanistischen Linguistik. Berlin – Boston: De Gruyter. | ||
<span id="polenz"></span>von Polenz, P. (1980). Wie man über Sprache spricht. Mannheim – Wien – Zürich: Dudenverlag. | |||
<span id="schiegg"></span>Schiegg, M. (2022). Flexible Schreiber in der Sprachgeschichte: Intraindividuelle Variation in Patientenbriefen (1850–1936) (Germanistische Bibliothek, Bd. 75). Heidelberg: Winter. | |||
<span id="schuster"></span>Schuster, B.-M. (2019). Sprachgeschichte als Geschichte von Texten. In J. A. Bär, A. Lobenstein-Reichmann & J. Riecke (Hrsg.), Handbuch Sprache in der Geschichte (S. 219–240). Berlin – Boston: de Gruyter. | |||
<span id="steinbauer"></span>Steinbauer, B. (1989). Rechtsakt und Sprechakt: Pragmalinguistische Untersuchungen zu deutschsprachigen Urkunden des 13. Jahrhunderts (Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft. Germanistische Reihe, Bd. 36). Innsbruck: Institut für Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck. | |||
}} | |||
}} | }} | ||
Aktuelle Version vom 15. Mai 2026, 09:31 Uhr
Sprachhandlungen
Indem man etwas äußert, handelt man also sprachlich. Solche Sprachhandlungen werden in mündlichen Äußerungen, aber auch schriftlich in einzelnen Äußerungen, in Sätzen und in ganzen Texten realisiert. Beispiele aus dem Bereich der Politik sind etwa: „ein Parlament, ein Komitee, eine Arbeitsgruppe auflösen; ein Votum abgeben; ein Veto einlegen; von einem Amt zurücktreten; jmdn. als Kandidaten nominieren; jmdn. ernennen; jmdn. von einem Amt suspendieren” (Holly 2017: 6).
Die Sprachwissenschaft
... beschäftigt sich schon lange und in diversen Teildisziplinen (wie z. B. der Textlinguistik, der Diskurslinguistik, der Gesprächsforschung, der Soziolinguistik und der Pragmatik) intensiv mit Sprachhandlungen, die sie auf gesprochene und geschriebene Sprache und auf Äußerungen, Gespräche, Sätze und auf Texte bezieht (vgl. von Polenz 1980: 12–15; Feilke 2000: 64–82). Sprachhandlungen folgen "konventionellen Regeln" und können daher von Sprachteilnehmerinnen und -teilnehmern identifiziert werden (Steinbauer 1989: 44). Textsorten werden nicht selten als "konventionell geltende Muster für komplexe sprachliche Handlungen" beschrieben (vgl. Brinker 2010: 136).
In der jüngeren sprachwissenschaftlichen Forschung werden Sprachhandlungen häufig als sprachliche Praktiken diskutiert. Für St. Habscheid sind sprachliche Praktiken soziale und kommunikative Praktiken; isoliert stellen sie „die situierte zeichenhafte Verkörperung bzw. vom Körper gelöste (z. B. schriftliche) Materialisierung von Handeln – und damit von Praxis – durch Sprache als möglicher Bestandteil kommunikativer Praktiken” (Habscheid 2016: 137) dar. In diesem Verständnis untersuchen aktuelle Studien zum Beispiel sprachliche Praktiken wie benennen, verorten, abgrenzen oder ernennen und ihre Realisierung in Texten (etwa Kalwa 2018, Kalwa 2025).
In der Sprachgeschichtsforschung
... ist die Betrachtung von Sprachhandlungen fest verankert: Die Analyse historischer sprachlicher Handlungen und ihrer Typisierungen spielt in der Beschreibung, Analyse und Interpretation historischer Texte (und Textsorten) eine große Rolle (vgl. Schuster 2019: 226; Steinbauer 1989: 44). Jüngere Monographien untersuchen intensiv das Spannungsfeld zwischen kollektivem und individuellem sprachlichen Handeln, beispielsweise in historischen Patientenbriefen (vgl. Schiegg 2022).
Für „Historische Stadtsprachen vor Ort”
... ordnen wir die ausgewählten Texte in aller Vorsicht historischen Sprachhandlungen zu. Wir fragen dazu:
Was will ein Akteur z. B. auslösen, bewirken, fixieren oder erreichen, indem er sprachlich kommuniziert?
Je nach Komplexität des Textes bieten wir dazu mehrere Sprachhandlungsverben pro Text an. Sie sind in der Regel abstrahierend formuliert; der Abstraktionsgrad ist (gegenstandsbedingt) variabel. Auch aus unserer Sicht nachgeordnete oder unsichere Sprachhandlungen führen wir auf. Überarbeitungen sind geplant. Die Reihenfolge der Einträge ist nicht hierarchisch.
Genauere Textkenntnis führt zu genaueren Zuordnungen; die Daten werden daher fortlaufend erweitert und korrigiert. Für Hinweise sind wir dankbar.
Bisher wurden Sprachhandlungen mit folgenden Sprachhandlungsverben kategorisiert:
- Etwas deuten
- Etwas ablehnen
- Etwas abschaffen
- Etwas rechtsgültig anerkennen
- Jemanden anklagen
- Etwas ankündigen
- Etwas anleiten
- Etwas anordnen
- Zu etwas auffordern
- Etwas auflisten
- Etwas aufteilen
- Etwas aushandeln
- Sich aussöhnen
- Jemanden beglückwünschen
- Etwas begründen
- Jemanden begrüßen
- Etwas behaupten
- Etwas bekennen
- Etwas beklagen
- Etwas belegen
- Etwas bereitstellen
- Etwas berichten
- Etwas bestätigen
- Etwas beurkunden
- Etwas dokumentieren
- Jemanden ehren
- Sich einigen
- Etwas entscheiden
- Etwas erbitten
- Etwas ermöglichen
- Etwas erstellen
- Etwas festlegen
- Etwas feststellen
- Etwas rechtlich fixieren
- Etwas fordern
- Jemandes gedenken
- Etwas geloben
- Auf etwas/jemanden hinweisen
- Etwas kaufen
- Etwas kritisieren
- Etwas lehren
- Etwas predigen
- Etwas quittieren
- Sich rechtfertigen
- Etwas stiften
- Jemanden trösten
- Etwas überlassen
- Jemanden unterhalten
- Sich unterordnen
- Etwas unterrichten
- Etwas veranlassen
- Etwas verkaufen
- Etwas verpachten
- Zu etwas verpflichten
- Etwas verpfänden
- Etwas verzeichnen
- Auf etwas verzichten
- Vor etwas warnen
- Etwas widerlegen
- Sich zusammenschließen
- Etwas zusichern
- Etwas besitzanzeigend zuweisen
- Etwas übertragen
Zitierte Literatur
Brinker, K. (2010). Linguistische Textanalyse: Eine Einführung in Grundbegriffe und Methoden (7. Aufl.). Berlin: Erich Schmidt Verlag.
Feilke, H. (2000). Die pragmatische Wende der Textlinguistik. In K. Brinker, G. Antos, W. Heinemann & S. F. Sager (Hrsg.), Text- und Gesprächslinguistik (S. 64–82). Berlin – Boston: de Gruyter.
Habscheid, St. (2016). Handeln in Praxis. Hinter- und Untergründe situierter sprachlicher Bedeutungskonstitution. In Deppermann, A., Feilke, H., Linke, A. (Hrsg.), Sprachliche und kommunikative Praktiken. Berlin – Boston: De Gruyter, 127–152
Holly, W. (2017). Sprachhandlung und Sprachhandlungsmuster. In K. S. Roth, M. Wengeler, A. Ziem & W. Holly (Hrsg.), Handbuch Sprache in Politik und Gesellschaft (S. 3–21). Berlin – Boston: de Gruyter.
Kalwa, N. (2018). Benennen – Verorten – Abgrenzen: Sprachliche Praktiken zur Konstitution neuer Ansätze als Teil der Germanistischen Linguistik. In: Zeitschrift für Angewandte Linguistik 68, 139–158
Kalwa, N. (2025). Linguistische Wissenschaftsforschung. Zur sprachlichen Hervorbringung von Wissenschaft am Beispiel der Germanistischen Linguistik. Berlin – Boston: De Gruyter.
von Polenz, P. (1980). Wie man über Sprache spricht. Mannheim – Wien – Zürich: Dudenverlag.
Schiegg, M. (2022). Flexible Schreiber in der Sprachgeschichte: Intraindividuelle Variation in Patientenbriefen (1850–1936) (Germanistische Bibliothek, Bd. 75). Heidelberg: Winter.
Schuster, B.-M. (2019). Sprachgeschichte als Geschichte von Texten. In J. A. Bär, A. Lobenstein-Reichmann & J. Riecke (Hrsg.), Handbuch Sprache in der Geschichte (S. 219–240). Berlin – Boston: de Gruyter.
Steinbauer, B. (1989). Rechtsakt und Sprechakt: Pragmalinguistische Untersuchungen zu deutschsprachigen Urkunden des 13. Jahrhunderts (Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft. Germanistische Reihe, Bd. 36). Innsbruck: Institut für Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck.